Wie jede Großstadt, hat Köln eine besonders auffällige Anzahl an Obdachlosen, Alkoholikern und Drogensüchtigen, die sich in konkreten Ecken dieser Stadt treffen: natürlich am Hauptbahnhof, auf dem Ebertplatz, dem Chlodwigplatz und selbstverständlich auf dem benachbarten Barbarossaplatz. Abgesehen von ihrer traurigen Situation, bilden sie manchmal lustige Gruppen, wo nicht nur ziemlich viel getrunken wird, sondern auch viel gelacht (und gestritten). Um die Ecke von meiner bisherigen Wohnung befindet sich ein Tagestreff der Diakonie, der jeden Vormittag viele Menschen in Not eine vernünftige Mahlzeit bietet. Gegen 11.00 oder 12.00 Uhr versammeln sich genau an der Ecke Salierring / Am Duffesbach viele Alkis mit ihren Bier Flaschen. Jedesmal dass ich an ihnen vorbeigehe, höre ich möglichst genau zu, was sie zu sagen haben - meistens taucht da ein Satz auf, den ich ziemlich lustig finde und über den ich tagelang lachen kann: "Ich bin mir sicher dass Elvis noch auf einem anderen Planeten lebt - ELVIS LEBT!! ELVIS LEBT!!". Manchmal sind sie diejenigen, die einem zuhören und es kommt nicht selten vor, dass sie sich in fremden Konversationen einmischen oder darauf reagieren. "Potential? Ich?", rief ein Mann mit seiner stark alkoholisierte Stimme aus der Nichts, als ein Freund von mir erzählte, irgendwelcher Politiker hätte im Fernsehen gesagt, es gäbe noch unter jugendlichen "mit Migrationshintergrund" ein großes Potential. Am letzten 24.12 sang laut in meiner Straße auch eine stark alkoholisierte, heisere Stimme ein paar schöne Weihnachtslieder (OH TANNENBAUM, OH TANNENBAUM!!). Ich musste lachen - ich hätte sehr gern ihn aufgenommen. Das hat mir sehr gut getan, weil ich meistens am heiligen Abend etwas melancholisch bin.
Den Salierring hat oft eine hoch alkoholisierte Frau frequentiert. Ich spreche über sie in der Vergangenheit, denn ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Sie saß immer an der Haltestelle - manchmal hat sie einen kleinen Koffer dabei gehabt. Sie hat immer geraucht und auch eine Flasche Oettinger, das billigste Bier, dass es auf dem Markt der tausenden Bieren in Deutschland gibt, in der Hand. Ihre Beine waren ziemlich dünn, ihr Gesicht etwas veraltet - ihre Augen guckten aber immer tief in die Ferne. Aus einem unbekannten Grund ist sie mir von Anfang an aufgefallen. Viele Sommersprossen gaben ihr Gesicht eine etwas kindische Ausstrahlung. Aber sie wirkte immer nachdenklich. Im Gegenteil zu den meisten Alkoholikern, die das Tagestreff am Salierring aufsuchen, hat sie nie gelacht. Manchmal sah ich sie seit längerer Zeit nicht mehr und dachte, ihr wäre was schlimmes passiert. Und plötzlich tauchte sie wieder auf - nüchternd - und verkaufte Exemplare der Obdachlose-Zeitung, von denen ich ihr nie - jetzt bereue ich es - ein Exemplar gekauft habe. Aber eine kleine Spende hat sie von mir immer bekommen.
Sie weiß es natürlich nicht, aber ich habe sie immer beobachtet. Sie blieb und bleibt immer in meinen Gedanken. Vor allem nach einem Nachmittag, als sie im Kiosk von Herrn Özuglü Bier und Zigaretten kaufte, und Herr Özuglü versuchte, sie aus ihrem Sucht zu überreden - "Aber Schätzlein, du musst aufhören zu trinken!" - "Ich kann es nicht - ich kann es einfach nicht", antwortete sie weinend mit ihrer heiser, trotzdem zärtlichen Stimme. Sie zündete eine Zigarette an, und verließ den Laden, genau als ich rein kam. Obwohl alles nur ein paar Augenblicke dauerte, sah ich noch wie aus ihren geröteten Augen Tränen fließen.
Danach habe ich sie ab und an sitzend an der Haltestelle gesehen. Seitdem die KVB das "Hausieren und Betteln" in der öffentlichen Verkehr verboten hat, sehe ich sie nicht mehr mit ihren Zeitungen in der U-Bahn. Die letzen Worten, die ich von ihr erinnere, stammen aus einer Konversation, die sie mit einer unbekannten Frau führte an einem Tag, in dem sie einen kleinen Hut trug:
- Außer diesem kleinen Hut habe ich nichts mehr im Leben
- Und dein Bier und Zigaretten?!
- Ach, diese sind schon fast wie ein Körperteil!
Ihren Name habe ich nie erfahren. Deshalb nenne ich sie einfach Frau Blonde-Haare - diese sahen etwas bruchig aus, aber sie waren trotzdem schön. Deshalb ist es das einzige Merkmal von ihr, mit dem ich sie fair beschreiben und benennen kann um den Mensch, der hinter der schrecklichen Sucht steckt, zu würdigen.
Lange habe ich sie nicht mehr gesehen. Ich möchte nicht denken, dass sie gestorben ist, denn sie hatte offensichtlich Probleme mit ihrem Leber - man sah ihr das an ihrer gelben Hautfarbe an -. Ich möchte denken, dass sie gar kein Alkohol mehr trinkt. Dass sie irgendwo lebt - in Begleitung von ihrer Familie und Freunden. Dass es ihr nicht kalt ist. Ich möchte denken, dass sie endlich lacht - und lächelt. Und schläft und isst wie der gesunde Mensch, der sie einmal vor der Sucht war. Sie wäscht ihre blonden, schönen Haare - und wirkt wieder jung. Ihre Stimme ist wieder sanft, denn die Heiserkeit weg ist, so wie die gelbe Farbe an ihrer Haut.
Der Salierring hat mir was beigebracht - und zwar dass man sich für andere Menschen Sorgen machen kann, ohne sie niemals ansprechen zu müssen.