Nur zwei oder drei Häuser neben unserem befindet sich eine Praxis für chinesische Massagen. Aus der Entfernung erhebt sich das Lokal nur durch die schöne, in rot bemalte orientalische Schrift, unter denen auf Deutsch geschrieben steht: CHINESISCHE MASSAGEN. Am Anfang fielen mir das Plakat und generell der Laden kaum auf. Aber eines Tages habe ich bemerkt, dass diese Praxis nicht wie die Anderen war, in denen normalerweise eine Preisliste am Fenster hängt oder zumindest eine mehr oder weniger ausführlich präsentierte Auflistung der angebotenen Leistungen und selbstverständlich eine Telefonnummer. Aber mehr Information sieht man in diesem China-Geschäft nicht. Durchs Schaufenster kann man kaum was sehen. Daran hängt ein weißer, leicht durchsichtiger Vorhang, dessen Stoff mit blumigen Motiven dekoriert ist, aber diese sind nicht daran aufgedruckt, sondern wie durch eine feine Arbeit mit Nageln genäht. Der Vorhang erinnert mich an diesem geschmacklosen pseudo-chinesischen Stil, der - weiß ich nicht warum- sich in so vielen Geschäften, die irgendwas mit China (real oder eingebildet) zu tun haben, als "authentisch" etabliert hat.
Jeden Tag gehe ich an dem Laden vorbei und selten sehe ich irgendwelche Spuren von Bewegung. Ich weiß, dass hinter dem Vorhang ein kleines, arm dekoriertes Wartezimmer wartet auf die gespenstige Kunden - man sieht zwei, drei einfache Stühle, worauf keiner jemals sitzt. Die Wand ist weiß. Und daran hängen Bildern mit Tieren. Das eine ist ein Tiger. Am Fenster grüßt eine Katze aus Porzellan mit seiner kleinen Pfote. Diese Pfote schaukelt Tag und Nacht - hin und her, wie die laufenden besoffenen Teenagers, die spät in der Nacht zur allerletzten Bahn nach Hause schnell hinlaufen. Die Porzellan-Katze lächelt. So wie der goldener Budda, der mit Geduld sitzt und auch - wie das Wartezimmer - wartet. Und wartet. Und wartet. Er lächelt die Fußgänger an - oder vielleicht lacht er uns alle aus? Wir, besessen von dem alltäglichen Stress unserer Ellbogengesellschaft, erscheinen vielleicht diesem kleinen Budda viel zu blöd.
Aber genau für gestresste Männer ist dieser mysteriöse, namenlose China-Laden. Einige von diesen Männern habe ich an der Tür in Begleitung von einer kleinen chinesischen Frau gesehen. Sie ist weder jung noch alt. Besonders attraktiv ist sie nicht, aber sie trägt immer Minirock und schwarze, glänzende hohe Lederstiefeln. Ihr Aussehen gab mir (das erste mal, dass ich sie sah - eines Donnerstagabends) schnell Aufschluss über die tatsächliche Natur der Massagen. Ich kann mich nur an zwei gestresste Männer, an der Tür wartend, erinnern. Einmal habe ich aus der Entfernung einen erblickt, als er erst ankam - die Frau (noch mal in Minirock) öffnete die Tür. Im Augenblick fragte ich mich, wozu denn das Wartezimmer, wenn man wirklich draußen steht. Der angebliche Kunde trug lange, braune Haare, Er schaute etwas lakonisch aus und sagte nichts. Die Frau auch nicht. Oder vielleicht schon, aber die Erinnerung an Worten ist sehr diffüs. Ein anderes Mal sah ich einen Bekannten von mir, gerade als er vom Laden raus kam. Er war sehr entspannt, schaute etwas auf sein Handy. Ich beeilte mich, so wir uns nicht aufeinander treffen konnten.
Mehr weiß ich von diesen chinesischen Massagen nicht, aber das Lokal scheint immer geöffnet zu haben. Manchmal sehe ich die Frau in Minirock in Begleitung von einer anderen chinesischen Frau. Und natürlich sprechen sie nur chinesisch unter sich. Sie sind mir so mysteriös, so undurchsichtig - ich kann mir ihr normales Leben außerhalb der Praxis kaum vorstellen. Wie klingt das Deutsche, das sie sprechen, wenn sie es sprechen? Essen sie auch nur chinesisch? mögen sie ihre Arbeit? hat die eine oder die andere einen favorisierten Kunde? Werden die Kunden nur "massiert" oder auch schlecht behandelt - gefesselt, gepeitscht, ausgespuckt? Ich meine, die anscheinend wichtigste Dame im Lokal trägt immer Lederstiefel. Sind sie beide immer Dominant oder mal zärtlich?
Mir kommt es so vor, als ob diese chinesische Frauen am Feierabend in eine ganz andere Dimension von einer chinesischen Katze transportiert würden, nur um am nächsten Tag wieder bei der Arbeit zu erscheinen um ein wenig Erotismus ins Leben dieser gestressten Männern zu bringen - natürlich immer mit einer kurzen Pause zwischendurch um sich bei Penny etwas zu essen zu holen -.
Danke, chinesische Massagen, mich interessierten eure Services nicht, aber es ist ja schön gewesen, euch als Nachbarn gehabt zu haben
Diesmal grüßt mir die Katze aus Porzellan nicht - sie sagt mir Good-Bye.
Diesmal grüßt mir die Katze aus Porzellan nicht - sie sagt mir Good-Bye.
No comments:
Post a Comment