Saturday, 18 June 2016

Die Verkäufer in der Bäckerei

Der Mangel an Tortillas hat mich seit dem Anfang dazu gezwungen, mich ans deutsche Brot zu gewöhnen, was mir sehr schnell gelang, denn ich habe dafür eine grundsätzliche Schwäche. Es hat mir immer gut geschmeckt und ich esse es fast in allen möglichen Varianten - und vor allem am Sonntag dürfen die frisch gebackenen Brötchen nicht fehlen und natürlich auch nicht das eine oder das andere süße Stück.

Bei der Wohnungssuche war es mir wichtig, dass es in der Nachbarschaft eine Bäckerei in erreichbarer Nähe zu finden wäre und hier am Salierring konnte es nicht besser werden: die Bäckerei Newzella - ein kleines, Familiengeschäft aus Köln mit wenigen Filialen zerstreut in der Stadt - liegt direkt gegenüber. Wenn ich nicht schlafen kann oder zu früh wach werde, gucke ich durchs Fenster ob sie schon auf haben. Die fleißigen Verkäufer laufen hin un her während ich noch schläfrig aus der Ferne schaue - ich kenne sie alle, und habe alle, die je dort in den letzten 5 Jahren gearbeitet haben, gekannt. Alle erkennen mich sofort. "Wo kommen Sie denn her?", fragte mich einmal eine der Verkäuferinnen. "Oh, das ist aber weit, weit, weit, weit weg, und vermissen Sie nisht Ihre Familie? Oh, ´ne Freundin von mir hat noch die yanze Familie in Polen, und letztes Jahr ist ihre Mutter an Krebs gestorben aber sie konnte leider zu Beerdigung nisht kommen, oh je, da kriege ich voll die Gänsehaut allein zu denken, ish wäre irgendwo im Ausland wo jemand in der Familie sterben würde, vor allem meine liebe Mutter, oh um Gottes Wille, dat würde isch mir nie verzeihen, junger Mann!". Diese gleiche Frau - ihren Namen erfuhr ich nie - ist nur die erste der Mitarbeitern gewesen, die mich angesprochen hat. Daraufhin öffneten sich langsam die Anderen, darunter eine Namens Stella. Stella (Stern) hat ein kleines, schönes, rundes Gesicht, und sie hat besonders gut meine Einkaufszeiten registriert. Da ich an meinen freien Tagen eher abends und nachts arbeite und deshalb am nächsten Tag richtig spät vormittags Brot holen gehe, habe ich das Geruch zerstreut, ich arbeitete in Schichten um meine eigene Natur als Langschläfer nicht zu verraten: "Ah, Ihre Augen sehen etwas geschwollen  aus, haben Sie wieder Nachtschicht gehabt? Sie, armer!". Oder: "Oh, was machen Sie heute hier so früh?". Langsam habe ich den Eindruck bekommen, ich wäre der einzige regelmäßige Kunde, weil der ganze Kader im Laden mich immer freundlich begrüßte oder praktisch alles über mich zu wissen schien: "Da sehen wir Sie ja oft mit einem netten Kerl genauso klein wie Sie". Woher haben sie meine Vorliebe gewusst, würde ich gerne wissen. 

Früher - als ich öfter ausgegangen bin und meine Party-Abende sich bis 08.00 oder sogar 09.00 Uhr morgens ausstreckten - war die Bäckerei meine letzte Station vors Schlafen gehen um mir eine Kleinigkeit zum Essen zu kaufen. Mehrmals kam ich etwas besoffen - mal nur ein bisschen, mal komplett blau: "Und? Schön gefeiert?" oder "sind Sie wieder krank?". Ich weiß nicht mehr was ich in solchen Gelegenheiten sagte, und ich weiß auch nicht ganz genau, wer von den vielen unterschiedlichen Verkäuferinnen was sagte. In letzter Zeit komme ich nicht mehr so oft - oft bin ich sonntags morgens zu faul um mich anzuziehen-, aber heute erschien ich im Laden auf der Suche eines Stücks Dinkelbrot: "Oh, ich habe Sie lange nicht mehr gesehen, alles gut bei Ihnen?". Ich traute mich nicht zu erzählen, dass ich mittlerweile was anderes zum Frühstück esse und dass ich einfach am Wochenende zu faul bin um die Wohnung zu verlassen. Ich habe mich auch nicht getraut zu sagen, dass ich bald ausziehe und dass man sich möglicherweise nie wieder sehen wird. Ich bezahlte - sie nahm den nächsten Kunde die Bestellung ab, aber sie sagte schnell und mit einem großen Lächeln "bis zum nächsten Mal!". Mein Herz schrumpfte sich. Ich achtete auf die Fußball-Dekoration - zwei Trikots der deutschen Elf, Papier in Schwarz, Rot, Gold - der Laden hat immer ein Motto je nach Saison: Weltmeisterschaft, Europameisterschaft, Karneval, Ostern, Weihnachten. Und die Mitarbeiter dekorieren alles selbst. Sollte ich das Bewusstsein jemals verlieren und wieder plötzlich wecken, würde ich sofort von der Dekoration her erfahren, in welcher Jahreszeit wir sind.

In diesem kleinen Laden, diesem kleinen familiären Geschäft, bleibt ein kleines Stück meiner persönlichen Geschichte. Danke, Bäckerei, danke liebes Personal - all diese kleinen Momenten haben mir etwas gesagt: Nachbarschaft und Treue sind miteinander verbunden.









No comments:

Post a Comment