Ein fantastisches Element des Kölner Stadtgesichts ist definitiv der Kiosk. Fast überall in Köln gibt es einen, aber am Salierring und in der unmittelbaren Nähe ist die Zahl an Kiosken echt übertrieben: nur in dieser Straße kann ich mindestens 5 zählen. Ob es genug Kunden gibt, weiß ich gar nicht, aber keiner scheint nie pleite zu gehen. Wenn man aber berücksichtigt, dass in dieser Stadt Bier Kult ist und dass fast jeden Tag wie Wochenende ist, dann lässt sich schnell erklären, wie schaffen es so viele Kioske in so einem kleinen Raum finanziell zu überleben. Ich habe mir von Anfang an meinen Kiosk ausgesucht - und es ist der Kiosk von der Familie Özmüglü, oder so [ich weiß es nie genau, wie man ihren Namen schreibt - sie könnten ja auch nichts mit meinem spanischen Familienname anfangen]. Sie kommen aus der Türkei und sind Kurden. Der Chef der Familie ist kommunikativer, spricht die deutsche Sprache sehr gut und fragt mich immer, wie es mir geht - am Anfang hat er gedacht, ich wäre Italiener oder Malteser (?!), aber er fand es total sympathisch, dass ich aus dem Nabel-des-Mondes käme. Er interessiert sich gar nicht für Politik: "mir reicht´s zu arbeiten", sagte er mir einmal, als ich ihn fragte, welche Gruppe hätte er für den Ausländerrat der Stadt Köln gewählt. Genau achtet er auf meine Gewohnheiten: "Fahrrad, immer Fahrrad fahren!", schreit er immer laut, wenn ich voll verschwitzt und mit Helm komme, mir ein alkoholfreies Bier zu holen. Ich lächele immer zurück.
Sein Bruder - lass uns ihn Herr 2-Euro-50 nennen - ist etwas weniger kommunikativ. Gespräche mit ihm prosperieren nicht. Kaum nimmt er seine Kunden, wahr und er hat mich nie ins Gesicht geschaut. Aber er erkennt mich (vielleicht durch meine Stimme?) und weiß ganz genau was ich in seinem Familienkiosk kaufe - mal eine Flasche Gaffel, mal eine Taffel Schockolade, mal eine Cola Light: "eswai Oiro funfsig!", sagt er immer, und ich habe irgendwie den Eindruck, dass alles im Laden das gleiche kostet. Oder vielleicht es ist nur so, dass er im Deutschen nur die Zahlen kennt. Eines Tages war ein Terrorangriff in der Türkei und ich drückte ihm mit authentischen Mitleid meine Solidarität aus. "Ich habe das mit dem Terrorangriff in Ankara gehört, es tut mir leid, ich hoffe, dass Ihrer Familie gut geht", sagte ich mit großem Respekt. "Ja, Scheisse!", antwortete er lakonisch und streckte seine Armen in den Himmel aus. Aber Herr 2,50€ ist ja oft mit seinen Landsmanne am unterhalten an dem kleinen Tisch zu sehen, der draußen auf dem Bürgersteig steht. Sie lachen, einige von denen trinken, sie verbringen dort mehrere Stunden und selbstverständlich klischeehaft rauchen wie alte Lokführer. Manchmal Mitte in der Nacht komme ich nach Hause und Herr 2,50€ ist noch da mit dem einen oder dem anderen türkischen Kumpel - sie sprechen über lustige Sachen - ich weiß es, wenn sie lachen - aber manchmal wirken beide sehr melancholisch. In seiner Abneigung, weiter auf Deutsch quatschen zu wollen habe ich nie eine "integrationsresistente" Attitude eingesehen, oder eine grundsätzliche Verschlossenheit gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Nein - an der Stelle sehe ich eher eine starke und profunde Melancholie. Eine Melancholie, die sich in der türkischen Musik, die immer läuft, erkennen lässt - mal diese klassischen ottomanischen Melodien in einer für mich unverschlüsselte Sprache, die ich trotzdem faszinierend finde - mal drückt sich diese schöne Tristesse aus in den Stimmen, die aus einem Fernsehen, der immer an ist, kommen, türkische Stimmen von Schauspielern, Nachrichtengebern oder Moderatoren, die er immer genau zuhört, lachend, angespannt oder zutiefst konzentriert. Mir fällt ein, dass er meistens nur fern guckt und - ohne seinen Blick eine Sekunde vom Bildschirm abzulenken - nur sagt: "swei Oiro funfsig!"
Es mag sein, dass für Andere dieses Viertel nichts zu sagen hat, aber einiges hat ja Herr swei Oiro funfsig durch sein Leben in seinem kleinen Universum ausgesagt - Bindung zur Heimat lässt sich nicht so einfach brechen. Sprache ist vielleicht die stärkste und effektivste Form, dieses kleine Universum des Herkunfsort mit seinem endlosen Reichtum und Magie mit sich überall hin zu tragen. Bindung zur Heimat möchte man nicht verlieren. Und das ist nicht unbedingt schlecht. Und das bedeutet nicht, man respektiere nicht die hiesige Kultur.
Wie werde ich Sie vermissen, Herr Özmüglü, wie werde ich immer immer daran denken, in der Tasche mindestens swei Oiro funfsig zu tragen!
Adiós, Herr swei Oiro funfsig, danke für die schöne Lektion
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