Tuesday, 15 November 2016

Die Nacht setzt sich durch

Die Nacht zieht sich langsam über dem Salierring. Es wird später und je später es wird, desto ruhiger wird die Straße. Nur eine Kiosk bleibt geöffnet. Immer weniger Autos fahren. Sporadisch brechen die Linien der Straßenbahn die nächtliche Ruhe ab. So wie die schreienden Stimmen der Betrunkenen - so wie ein junges Liebespaar, das sich wegen Eifersucht streitet - "Annika, trau dich nicht! verlass mich nicht!" - "hau ab, du ekelst mich an!" "Annika, bitte! ich liebe dich!"- höre ich. Ich drehe mich im Bett um. Ich denke an den Schmerz, den Liebeskummer von diesem Kerl. Und die Nacht setzt sich mit all ihrer Macht durch. Ich schlafe ein - keine Geräusche mehr. 

Die Ökonomie des Aussterbens

Noch nie gab es in Deutschland so wenige Arbeitslose. Noch nie gab es so viele freie Arbeitsplätze. Konsekutiv hat auch unser Staat schon wieder ein Jahr (2015) mit einem Überschuss von mehreren Milliarden Euro im Haushalt geschlossen. Trotzdem ist der Salierring ein Microlabor der neoliberalen Wirtschaft und ihrer Widersprüche, denn ich  habe noch nie im Leben einen Ort gesehen, wo in so einer kurzen Zeit so viele kleinen Läden und Familiengeschäfte so schnell pleite gegangen wären. Die Wirtschaft wächst grenzenlos, aber der Einzelhandel stirbt in deutschen Großstädten aus. Zu schulden ist vielleicht das Internet, denn wir  shoppen alle in Deutschland so gerne online statt ins kleine Geschäft um die Ecke zu gehen. Koffer und Gepäck, Reisen nach Russland, Haushaltsgeräte und Küchenutensilien, Matratzen und Lebensmittel und Kunst - fast alles (OK ich übertreibe) konnte man in dieser kleinen Strecke zwischen der Eifelstr. und dem Barbarossaplatz kaufen, aber nun sind alle Geschäfte weg. Wo ist diese von den Politikern so großkotzig angekündigte Prosperität? Diese gilt ja leider nicht für alle. Eine kleine Oase für diese Wüste des neoliberalen Kapitalismus bildet die Sozialistische Selbsthilfe Köln, geleitet von alten Hippies mithilfe einiger Flüchtlinge, wo man Küchenutensilien, Möbeln und alte Bücher auf niedrigen Preisen kaufen kann. Schön, wenn jemand sich darum kümmert, auf irgenwelcher Weise diesen sinnlosen Konsumismus zu dämpfen. 

Saturday, 18 June 2016

Die chinesischen Massagen

Nur zwei oder drei Häuser neben unserem befindet sich eine Praxis für chinesische Massagen. Aus der Entfernung erhebt sich das Lokal nur durch die schöne, in rot bemalte orientalische Schrift, unter denen auf Deutsch geschrieben steht: CHINESISCHE MASSAGEN. Am Anfang fielen mir das Plakat und generell der Laden kaum auf. Aber eines Tages habe ich bemerkt, dass diese Praxis nicht wie die Anderen war, in denen normalerweise eine Preisliste am Fenster hängt oder zumindest eine mehr oder weniger ausführlich präsentierte Auflistung der angebotenen Leistungen und selbstverständlich eine Telefonnummer. Aber mehr Information sieht man in diesem China-Geschäft nicht. Durchs Schaufenster kann man kaum was sehen. Daran hängt ein weißer, leicht durchsichtiger Vorhang, dessen Stoff mit blumigen Motiven dekoriert ist, aber diese sind nicht daran aufgedruckt, sondern wie durch eine feine Arbeit mit Nageln genäht. Der Vorhang erinnert mich an diesem geschmacklosen pseudo-chinesischen Stil, der - weiß ich nicht warum- sich in so vielen Geschäften, die irgendwas mit China (real oder eingebildet) zu tun haben, als "authentisch" etabliert hat. 

Jeden Tag gehe ich an dem Laden vorbei und selten sehe ich irgendwelche Spuren von Bewegung. Ich weiß, dass hinter dem Vorhang ein kleines, arm dekoriertes Wartezimmer wartet auf die gespenstige Kunden - man sieht zwei, drei einfache Stühle, worauf keiner jemals sitzt. Die Wand ist weiß. Und daran hängen Bildern mit Tieren. Das eine ist ein Tiger. Am Fenster grüßt eine Katze aus Porzellan mit seiner kleinen Pfote. Diese Pfote schaukelt Tag und Nacht - hin und her, wie die laufenden besoffenen Teenagers, die spät in der Nacht zur allerletzten Bahn nach Hause schnell hinlaufen. Die Porzellan-Katze lächelt. So wie der goldener Budda, der mit Geduld sitzt und auch - wie das Wartezimmer - wartet. Und wartet. Und wartet. Er lächelt die Fußgänger an - oder vielleicht lacht er uns alle aus? Wir, besessen von dem alltäglichen Stress unserer Ellbogengesellschaft, erscheinen  vielleicht diesem kleinen Budda viel zu blöd.

Aber genau für gestresste Männer ist dieser mysteriöse, namenlose China-Laden. Einige von diesen Männern habe ich an der Tür in Begleitung von einer kleinen chinesischen Frau gesehen. Sie ist weder jung noch alt. Besonders attraktiv ist sie nicht, aber sie trägt immer Minirock und schwarze, glänzende hohe Lederstiefeln. Ihr Aussehen gab mir (das erste mal, dass ich sie sah - eines Donnerstagabends) schnell Aufschluss über die tatsächliche Natur der Massagen. Ich kann mich nur an zwei gestresste Männer, an der Tür wartend, erinnern. Einmal habe ich aus der Entfernung einen erblickt, als er erst ankam - die Frau (noch mal in Minirock) öffnete die Tür. Im Augenblick fragte ich mich, wozu denn das Wartezimmer, wenn man wirklich draußen steht. Der angebliche Kunde trug lange, braune Haare, Er schaute etwas lakonisch aus und sagte nichts. Die Frau auch nicht. Oder vielleicht schon, aber die Erinnerung an Worten ist sehr diffüs. Ein anderes Mal sah ich einen Bekannten von mir, gerade als er vom Laden raus kam. Er war sehr entspannt, schaute etwas auf sein Handy. Ich beeilte mich, so wir uns nicht aufeinander treffen konnten. 

Mehr weiß ich von diesen chinesischen Massagen nicht, aber das Lokal scheint immer geöffnet zu haben. Manchmal sehe ich die Frau in Minirock in Begleitung von einer anderen chinesischen Frau. Und natürlich sprechen sie nur chinesisch unter sich. Sie sind mir so mysteriös, so undurchsichtig - ich kann mir ihr normales Leben außerhalb der Praxis kaum vorstellen. Wie klingt das Deutsche, das sie sprechen, wenn sie es sprechen? Essen sie auch nur chinesisch? mögen sie ihre Arbeit? hat die eine oder die andere einen favorisierten Kunde? Werden die Kunden nur "massiert" oder auch schlecht behandelt - gefesselt, gepeitscht, ausgespuckt? Ich meine, die anscheinend wichtigste Dame im Lokal trägt immer Lederstiefel. Sind sie beide immer Dominant oder mal zärtlich?

Mir kommt es so vor, als ob diese chinesische Frauen am Feierabend in eine ganz andere Dimension von einer chinesischen Katze transportiert würden, nur um am nächsten Tag wieder bei der Arbeit zu erscheinen  um ein wenig Erotismus ins Leben dieser gestressten Männern zu bringen - natürlich immer mit einer kurzen Pause zwischendurch um sich bei Penny etwas zu essen zu holen -.

Danke, chinesische Massagen, mich interessierten eure Services nicht, aber es ist ja schön gewesen, euch als Nachbarn gehabt zu haben

Diesmal grüßt mir die Katze aus Porzellan nicht - sie sagt mir Good-Bye.



Herr Özmüglü oder 2,50€

Ein fantastisches Element des Kölner Stadtgesichts ist definitiv der Kiosk. Fast überall in Köln gibt es einen, aber am Salierring und in der unmittelbaren Nähe ist die Zahl an Kiosken echt übertrieben: nur in dieser Straße kann ich mindestens 5 zählen. Ob es genug Kunden gibt, weiß ich gar nicht, aber keiner scheint nie pleite zu gehen. Wenn man aber berücksichtigt, dass in dieser Stadt Bier Kult ist und dass fast jeden Tag wie Wochenende ist, dann lässt sich schnell erklären, wie schaffen es so viele Kioske in so einem kleinen Raum finanziell zu überleben. Ich habe mir von Anfang an meinen Kiosk ausgesucht - und es ist der Kiosk von der Familie Özmüglü, oder so [ich weiß es nie genau, wie man ihren Namen schreibt - sie könnten ja auch nichts mit meinem spanischen Familienname anfangen]. Sie kommen aus der Türkei und sind Kurden. Der Chef der Familie ist kommunikativer, spricht die deutsche Sprache sehr gut und fragt mich immer, wie es mir geht - am Anfang hat er gedacht, ich wäre Italiener oder Malteser (?!), aber er fand es total sympathisch, dass ich aus dem Nabel-des-Mondes käme. Er interessiert sich gar nicht für Politik: "mir reicht´s zu arbeiten", sagte er mir einmal, als ich ihn fragte, welche Gruppe hätte er für den Ausländerrat der Stadt Köln gewählt. Genau achtet er auf meine Gewohnheiten: "Fahrrad, immer Fahrrad fahren!", schreit er immer laut, wenn ich voll verschwitzt und mit Helm komme, mir ein alkoholfreies Bier zu holen. Ich lächele immer zurück.

Sein Bruder - lass uns ihn Herr 2-Euro-50 nennen - ist etwas weniger kommunikativ. Gespräche mit ihm prosperieren nicht. Kaum nimmt er seine Kunden, wahr und er hat mich nie ins Gesicht geschaut. Aber er erkennt mich (vielleicht durch meine Stimme?) und weiß ganz genau was ich in seinem Familienkiosk kaufe - mal eine Flasche Gaffel, mal eine Taffel Schockolade, mal eine Cola Light: "eswai Oiro funfsig!", sagt er immer, und ich habe irgendwie den Eindruck, dass alles im Laden das gleiche kostet. Oder vielleicht es ist nur so, dass er im Deutschen nur die Zahlen kennt. Eines Tages war ein Terrorangriff in der Türkei und ich drückte ihm mit authentischen Mitleid meine Solidarität aus. "Ich habe das mit dem Terrorangriff in Ankara gehört, es tut mir leid, ich hoffe, dass Ihrer Familie gut geht", sagte ich mit großem Respekt. "Ja, Scheisse!", antwortete er lakonisch und streckte seine Armen in den Himmel aus. Aber Herr 2,50€ ist ja  oft mit seinen Landsmanne am unterhalten an dem kleinen Tisch zu sehen, der draußen auf dem Bürgersteig steht. Sie lachen, einige von denen trinken, sie verbringen dort mehrere Stunden und selbstverständlich klischeehaft rauchen wie alte Lokführer. Manchmal Mitte in der Nacht komme ich nach Hause und Herr 2,50€ ist noch da mit dem einen oder dem anderen türkischen Kumpel - sie sprechen über lustige Sachen - ich weiß es, wenn sie lachen - aber manchmal wirken beide sehr melancholisch. In seiner Abneigung, weiter auf Deutsch quatschen zu wollen habe ich nie eine "integrationsresistente" Attitude eingesehen, oder eine grundsätzliche Verschlossenheit gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Nein - an der Stelle sehe ich eher eine starke und profunde Melancholie. Eine Melancholie, die sich in der türkischen Musik, die immer läuft, erkennen lässt - mal diese klassischen ottomanischen Melodien in einer für mich unverschlüsselte Sprache, die ich trotzdem faszinierend finde - mal drückt sich diese schöne Tristesse aus in den Stimmen, die aus einem Fernsehen, der immer an ist, kommen, türkische Stimmen von Schauspielern, Nachrichtengebern oder Moderatoren, die er immer genau zuhört, lachend, angespannt oder zutiefst konzentriert. Mir fällt ein, dass er meistens nur fern guckt und - ohne seinen Blick eine Sekunde vom Bildschirm abzulenken - nur sagt: "swei Oiro funfsig!"

Es mag sein, dass für Andere dieses Viertel nichts zu sagen hat, aber einiges hat ja Herr swei Oiro funfsig durch sein Leben in seinem kleinen Universum ausgesagt - Bindung zur Heimat lässt sich nicht so einfach brechen. Sprache ist vielleicht die stärkste und effektivste Form, dieses kleine Universum des Herkunfsort mit seinem endlosen Reichtum und Magie mit sich überall hin zu tragen. Bindung zur Heimat möchte man nicht verlieren. Und das ist nicht unbedingt schlecht. Und das bedeutet nicht, man respektiere nicht die hiesige Kultur.

Wie werde ich Sie vermissen, Herr Özmüglü, wie werde ich immer immer daran denken, in der Tasche mindestens swei Oiro funfsig zu tragen!

Adiós, Herr swei Oiro funfsig, danke für die schöne Lektion





Der Salierring - oh, dieses "nichtssagendes" Viertel

Es sind fast 5 Jahre seitdem ich in den Salierring Nr. 5 gezogen bin – mein geteiltes, schönes Zuhause. Verloren zwischen dem hässlichen Barbarossaplatz und der Südstadt, keiner kann genau dieses Viertel in der Kölner Geographie situieren. Etwas verschämt über die Bedeutungslosigkeit dieser Ecke von Köln habe ich oft gesagt, dass ich in der „Südstadt“ lebe, obwohl es nicht so ganz stimmt. Manchmal sagte ich einfach „Pantaleonsviertel“ (es ist eine alte Tradition Kölns die Nachbarschaften in der Innenstadt nach dem nächstliegenden Kirche zu nennen). Aber da kaum jemand weißt, wo die Pantaleonskirche ist (oder überhaupt weißt, dass es sie gibt), sage ich mittlerweile nur, dass ich am Salierring lebe. Meine kleine alte Heimat. Bedeutungslos und ohne Hip - im Vergleich zu der Südstadt und Ehrenfeld, Kalk oder Sülz, Nippes oder Deutz - alle gut bekannt, alle in ihrer Art und Weise hip

Nicht so lange her hat mir so eine Random-Hipster gesagt, dass sie auch hier in der Gegend früher gewohnt hätte und dass dieses Viertel überhaupt keinen echten „Charakter“ genoss, und dass es tatsächlich ein „nichtssagendes“ Viertel wäre. Ah, diese armen Hipsters und ihre ewige Suche nach Authentizität, ihr könnt mir alle bitte am Arsch lecken, der Salierring und das umgebende Viertel hat mir ja diese letzten 5 Jahren meines Leben viel gesagt. Und bevor ich ausziehe, möchte ich peu-a-peu einiges über diesen Ort erzählen. Allerdings auf Deutsch, die Sprache, auf der zum größten Teil mein Leben abgeht, auch wenn ich es riskiere, mich nicht so genau ausdrücken zu können,  auch wenn ich oft in die vielen Tappen einer verwirrenden Grammatik fallen kann, auch wenn ich es riskiere, nicht verstanden zu werden. Aber das ist egal, denn warum soll ich in so einer gepflegten und schöner Art schreiben wenn diese Nachbarschaft alles ist außer gepflegt und schön? Sie entstand aus der Not - und genauso aus der Not, mich zu kommunizieren, entstehen diese Texte wie die Betongebäude der 60er und 70er Jahren in denen wir wohnen und die diese Landschaft prägen. 3 Linien der Straßenbahn fahren durch unsere „nichtssagende“ Straße und das Quietschen der Bahnen ist wie das Quietschen meiner sprachlichen Impräzision. So laut und so ungepflegt wie diese Texte sein können, ist auch der Salierring - Hier ist kaum einen Baum oder schönes Motiv zu sehen, geschweige dem fehlenden architektonischen Konzept. Ein Tagestreff für Obdachlose der Diakonie zieht nicht immer die nüchternsten Menschen an und viele skurrilen Szenen spielen jeden Tag und jede Nacht an der  Haltestelle Eifelstr. ab.

Es mag wahr sein, dass der Salierring keine schöne Gegend ist, dass seine Architektur eine absolute Katastrophe für die Kölner Landschaft darstellt und dass hier auch nicht die interessantesten, hipsten Menschen wohnen, aber das ist mir alles egal. Dieser Ort hat mir viele schönen, interessanten, merkwürdigen, traurigen und lustigen Momenten geschenkt. Und darüber möchte ich eine kurze Reihe von Texten schreiben. Das Risiko der sprachlichen Imperfektion gehe ich gerne ein. 

Die Verkäufer in der Bäckerei

Der Mangel an Tortillas hat mich seit dem Anfang dazu gezwungen, mich ans deutsche Brot zu gewöhnen, was mir sehr schnell gelang, denn ich habe dafür eine grundsätzliche Schwäche. Es hat mir immer gut geschmeckt und ich esse es fast in allen möglichen Varianten - und vor allem am Sonntag dürfen die frisch gebackenen Brötchen nicht fehlen und natürlich auch nicht das eine oder das andere süße Stück.

Bei der Wohnungssuche war es mir wichtig, dass es in der Nachbarschaft eine Bäckerei in erreichbarer Nähe zu finden wäre und hier am Salierring konnte es nicht besser werden: die Bäckerei Newzella - ein kleines, Familiengeschäft aus Köln mit wenigen Filialen zerstreut in der Stadt - liegt direkt gegenüber. Wenn ich nicht schlafen kann oder zu früh wach werde, gucke ich durchs Fenster ob sie schon auf haben. Die fleißigen Verkäufer laufen hin un her während ich noch schläfrig aus der Ferne schaue - ich kenne sie alle, und habe alle, die je dort in den letzten 5 Jahren gearbeitet haben, gekannt. Alle erkennen mich sofort. "Wo kommen Sie denn her?", fragte mich einmal eine der Verkäuferinnen. "Oh, das ist aber weit, weit, weit, weit weg, und vermissen Sie nisht Ihre Familie? Oh, ´ne Freundin von mir hat noch die yanze Familie in Polen, und letztes Jahr ist ihre Mutter an Krebs gestorben aber sie konnte leider zu Beerdigung nisht kommen, oh je, da kriege ich voll die Gänsehaut allein zu denken, ish wäre irgendwo im Ausland wo jemand in der Familie sterben würde, vor allem meine liebe Mutter, oh um Gottes Wille, dat würde isch mir nie verzeihen, junger Mann!". Diese gleiche Frau - ihren Namen erfuhr ich nie - ist nur die erste der Mitarbeitern gewesen, die mich angesprochen hat. Daraufhin öffneten sich langsam die Anderen, darunter eine Namens Stella. Stella (Stern) hat ein kleines, schönes, rundes Gesicht, und sie hat besonders gut meine Einkaufszeiten registriert. Da ich an meinen freien Tagen eher abends und nachts arbeite und deshalb am nächsten Tag richtig spät vormittags Brot holen gehe, habe ich das Geruch zerstreut, ich arbeitete in Schichten um meine eigene Natur als Langschläfer nicht zu verraten: "Ah, Ihre Augen sehen etwas geschwollen  aus, haben Sie wieder Nachtschicht gehabt? Sie, armer!". Oder: "Oh, was machen Sie heute hier so früh?". Langsam habe ich den Eindruck bekommen, ich wäre der einzige regelmäßige Kunde, weil der ganze Kader im Laden mich immer freundlich begrüßte oder praktisch alles über mich zu wissen schien: "Da sehen wir Sie ja oft mit einem netten Kerl genauso klein wie Sie". Woher haben sie meine Vorliebe gewusst, würde ich gerne wissen. 

Früher - als ich öfter ausgegangen bin und meine Party-Abende sich bis 08.00 oder sogar 09.00 Uhr morgens ausstreckten - war die Bäckerei meine letzte Station vors Schlafen gehen um mir eine Kleinigkeit zum Essen zu kaufen. Mehrmals kam ich etwas besoffen - mal nur ein bisschen, mal komplett blau: "Und? Schön gefeiert?" oder "sind Sie wieder krank?". Ich weiß nicht mehr was ich in solchen Gelegenheiten sagte, und ich weiß auch nicht ganz genau, wer von den vielen unterschiedlichen Verkäuferinnen was sagte. In letzter Zeit komme ich nicht mehr so oft - oft bin ich sonntags morgens zu faul um mich anzuziehen-, aber heute erschien ich im Laden auf der Suche eines Stücks Dinkelbrot: "Oh, ich habe Sie lange nicht mehr gesehen, alles gut bei Ihnen?". Ich traute mich nicht zu erzählen, dass ich mittlerweile was anderes zum Frühstück esse und dass ich einfach am Wochenende zu faul bin um die Wohnung zu verlassen. Ich habe mich auch nicht getraut zu sagen, dass ich bald ausziehe und dass man sich möglicherweise nie wieder sehen wird. Ich bezahlte - sie nahm den nächsten Kunde die Bestellung ab, aber sie sagte schnell und mit einem großen Lächeln "bis zum nächsten Mal!". Mein Herz schrumpfte sich. Ich achtete auf die Fußball-Dekoration - zwei Trikots der deutschen Elf, Papier in Schwarz, Rot, Gold - der Laden hat immer ein Motto je nach Saison: Weltmeisterschaft, Europameisterschaft, Karneval, Ostern, Weihnachten. Und die Mitarbeiter dekorieren alles selbst. Sollte ich das Bewusstsein jemals verlieren und wieder plötzlich wecken, würde ich sofort von der Dekoration her erfahren, in welcher Jahreszeit wir sind.

In diesem kleinen Laden, diesem kleinen familiären Geschäft, bleibt ein kleines Stück meiner persönlichen Geschichte. Danke, Bäckerei, danke liebes Personal - all diese kleinen Momenten haben mir etwas gesagt: Nachbarschaft und Treue sind miteinander verbunden.